Riesenbovist (Langermannia gigantea/ Calvatia gigantea)

Der Riesenbovist wird auch Bovist, Bauchpilz, Puffball oder Bofist genannt.

Der Riesenbovist ist ein gewaltiger Pilz – unübersehbar und unverwechselbar dank seines kugeligen, an einen prall aufgeblasenen Luftballon erinnernden bis zu einem halben Meter im Durchmesser heranwachsenden Fruchtkörper. "Langermannia gigantea", so der botanische Name, gilt zudem als eines der fruchtbarsten Lebewesen, denn praktisch der gesamte Pilzinhalt wird innerhalb kürzester Zeit zu Sporenmasse. Würde aus jeder Spore wieder ein ausgewachsener Bovist entstehen, wäre in kürzester Zeit die gesamte Erdoberfläche davon bedeckt: und das dann auch noch in gerade mal ein bis drei Tagen, denn länger braucht der Pilz nicht, um aus der kleinen Spore auf die Größe eines Fußballes heranzuwachsen.

Wie der Pilz aussieht und wo er gedeiht

Der Riesenbovist ist in so vielen Merkmalen einzigartig, dass er sogar in der Pilzkunde eine eigene Gattung bildet, eben die der "Langermannia", wobei interessanterweise die Bedeutung dieser lateinischen Bezeichnung bis jetzt unbekannt ist. Auch der Beiname "Calvatia" bedeutet nichts weiter als Großstäubling. Einziger echter Verwandter des Riesen-Bovist ist der Hasenbovist. Grundlegendes Unterscheidungsmerkmal der Stäublinge im Vergleich zu anderen Pilzen ist ihre Eigenschaft, die Sporen im Pilzbauch auszubilden, daher werden sie nicht nur Bovist, in älteren deutsch übrigens "Bofist" geschrieben und Stäubling (weil es staubt, wenn man drauftritt) genannt, sondern tragen auch den Namen Bauchpilz.

Der Fruchtkörper

Der Fruchtkörper eines Riesenbovisten kann einen Durchmesser von bis zu 50 Zentimeter erreichen und ist dann zwischen 15 und 20 Kilogramm schwer. Die Körperform ist unregelmäßig rund bis kugelig, dabei zum Teil nach oben etwas oval abgeflacht. Riesenboviste haben keinen Stiel. Aber nach unten, an der Stelle, wo sich der Fruchtkörper aus dem Pilzmycel entwickelt – dieses Mycel ist der eigentliche Pilz, was wir verspeisen, ist immer nur die Frucht – ist die Huthaut unregelmäßig zerfurcht und wirkt wie von einer Schnur zusammengezogen.

Die Huthaut

Die Hut des Riesenbovisten ist weiß, lederig bis wildledrig zart, griffig und etwas quietschend beim Reiben – die Ähnlichkeit mit einem gut eingespielten (Leder)Fußball ist also wirklich nicht so ganz von der Hand zu weisen. Die Bovistenhaut lässt sich sehr gut abschälen, die Schale ist ungefähr 2 bis 3 Millimeter dick. Altert der Pilz wird die Huthaut dünn und brüchig, ist auch nicht mehr reinweiß.

Aus Fleisch wird Staub

So schnell, wie der Riesenbovist aus dem Boden schießt, so schnell ist die Pracht auch dahin. Anfangs ist das Fruchtfleisch im Innern des Pilzes - auch Fruchtmasse oder wissenschaftlich Gleba genannt - jung, fest, rein weiß und mit angenehmem Geruch und mildem Geschmack – also einfach nur lecker! Schnell setzt jedoch der Reifeprozess ein. Zuerst verfärbt sich die Fruchtmasse ins gelblich-grüne und dann weiter ins ocker-grüne bis hin zu olivbraun. Die Verfärbung zeigt gleichzeitig den Grad der Zersetzung des Fruchtfleisches an. Langsam brechen während dieses Prozesses inneren Stützzellen nach und nach zusammen, übrig bleiben die Sporen als wattigweiche, pulvrige, jetzt eher unangenehm riechende Masse. Da mittlerweile auch die Huthaut dünner geworden ist, kann diese jetzt zuerst nach oben hin aufbrechen, die dann ungeschützt der Witterung ausgesetzten Sporen ausgesetzten werden nun von Wind und Regen mitgenommen – bis im nächsten Jahr wieder schmackhafte Kugeln wachsen. Tritt man einmal auf einen Riesenbovist im Sporenstadium, setzt man mit einem Puff eine riesige Sporenwolke frei – dieser Puff ist auch zu verdanken, dass man Bofisten in alten Lexika auch schon mal unter dem Namen Puffball finden kann.

Wo der Pilz zu finden ist

Die beste Zeit den riesigen Fruchtkörper zu entdecken ist zwischen Juni bis Oktober. Um den Bovisten zu entdecken, muss sich der Sammler nicht in den Wald begeben, fündig wird man auf eher fetten Böden, wie sie beispielsweise gerade Wiesen und Weiden haben. Aber auch in Gärten, Parks oder unter Gebüschen wurden schon Riesenboviste gesichtet, einzeln oder als Pilzfamilie. Aufgrund der Größe des Pilzes kann es passieren, dass Überreste noch im nächsten Jahr gefunden werden. Dieser Pilz fasziniert die Menschen seit jeher und so gelangen Berichte über Funde immer wieder in die Medien, beispielsweise über Exemplare die bis zu 20 Kilogramm wiegen, oder einen Umfang von bis zu 112 Zentimeter haben und am Straßenrand wachsen. Andere Berichte erzählen von Bovisten-Familien, die im heimischen Garten wachsen, aber leider von Schnecken verzehrt werden. Insgesamt scheinen Riesenboviste in Deutschland jedoch nicht übermäßig vertreten zu sein, anders lässt sich die mediale Präsenz von Langermannia Gigantea kaum erklären. In Norwegen steht der Pilz schon auf der Roten Liste der geschützten (aussterbenden) Arten.

Verwechslungsgefahren

Grundsätzlich gilt in der Pilzkunde der Satz: Alle Stäublinge und Boviste, die in ihrem Inneren jung, rein und weiß sind, sind essbar. Sobald das Fruchtfleisch jedoch anfängt sich zu verfärben, sind die Pilze keine Speisepilze mehr. Das trifft natürlich auf den Riesenbovisten zu. Zu verwechseln sind eigentlich nur nicht ausgewachsene Riesenboviste, und zwar zum einen mit dem deutlich kleineren Hasenbovist und zum anderen eventuell mit dem Beutelstäubling – beide sind jedoch jung essbar, nach denselben Kriterien wie der Riesenbovist auch.

Achtung!!! Die Stäublinge und die Knollenblätterpilze

Bevor genussvoll ein Bovist oder Stäubling verzehrt wird, sollte der Sammler sich 100-prozentig sicher sein, nicht vielleicht einen hochgiftigen Knollenblätterpilz im Korb zu haben, denn auch die Knollenblätterpilze erscheinen im jüngsten Stadium rein-weiß. Sie verraten sich erst im Querschnitt, denn direkt unter der weißen Gesamthülle ist die Huthaut farbig abgesetzt. Zudem zeigt sich die Gesamthülle der Knollenblätterpilze in diesem jungen Stadium oft schon eingerissen oder zerrissen. Es bleibt also festzuhalten: Auch wenn ein Pilz so leicht wie der Riesenbovist zu identifizieren ist, ist zumindest bei kleineren Exemplaren Aufmerksamkeit geboten.

Der Hasenbovist (Calvatia utriformis/ Handkea utriformis)

Die Form und Größe des Hasenbovists kann variabel sein und schwankt zwischen vier bis fünfzehn Zentimeter Höhe und bis zu fünfzehn Zentimeter in der Breite. Die häufigste Form des Hasenbovists sieht ungefähr wie ein schlapper Ballon mit eingeschrumpfter Basis aus. Die Außenhaut des Pilzes ist erst weiß, später gräulich zur Reife dann beige-braun. Hauptunterscheidungsmerkmal gegenüber dem Riesenbovist ist in jungem Stadium die Oberfläche, die beim Hasenbovisten mit derben nach oben spitzen Warzen besetzt ist. Als Lebensraum bevorzugt der kleinere Bovist Rasen- und Wiesenflächen, aber auch Rasen auf sandig-lehmigen Böden. Große Weideflächen besiedelt er ebenfalls gern. Finden kann man den Hasenbovisten vom Flachland bis hin zu Mittelgebirgslagen. Hasenboviste sind essbar, aber wohl nicht besonders wohlschmeckend.

Der Beutelstäubling (Handkea exipuliformis)

Der Beutelstäubling kann eigentlich nur in ganz jungem Stadium mit dem Riesenbovist verwechselt werden, da er in ausgewachsenen Stadium einen deutlich erkennbaren säulenartigen Stiel hat. Er ist auch nur in jungem Alter weißlich, später wird er beigefarben. Beutelstäublinge werden zwischen acht und fünfzehn Zentimeter groß und wachsen anders als der Hasen- und der Riesenbovist eher in Laub- und Nadelwäldern. Solange der Beutelstäubling innen weiß ist, ist er essbar.

Der Pilz in der Küche

Der Riesenbovist ist eine wahre Freude für jeden Pilzfan – ergibt sich doch aufgrund seiner Größe eine ausreichende Mahlzeit wie von selbst. Geschmacklich kommt der junge Bovist mit einem recht milden in der Unternote etwas obstartigen Aroma daher. Die Vorbereitung ist recht simpel: Man nehme – immer – einen jungen, innen noch rein-weißen Pilz, der gereinigt und gegebenenfalls etwas geschält wird. Man kann die Haut auch ganz abziehen, ohne den Pilz zu beschädigen. Danach wird der Pilz in Scheiben geschnitten, paniert und gebraten – und „Voilà!“ – fertig ist das Pilzschnitzel. Wer es abwechselungsreicher mag, kann sich auch für die Cordon-Bleu-Variante entscheiden. Für Mischpilzgerichte eignet der Bovist weniger, da er geschmort und klein geschnitten an Konsistenz verliert. Wer den großen Pilz nicht immer nur Schnitzel verarbeiten will, könnte auch mal gefüllten Bovist probieren. Dazu höhlt man den Pilz aus und befüllt ihn dann wieder mit der Pilzmasse, die man je nach Belieben um Hackfleisch, Zwiebel und Gewürze oder auch vegetarisch beispielsweise mit einer Tomaten-Paprikafüllung angereichert hat.

Der Klassiker - Das Beamtenschnitzel

Eine klassische Zubereitung für den Riesenbovist ist das Beamtenschnitzel. Letztlich verbirgt sich dahinter auch nur panierter Bovist, aber der Verweis auf die Beamten erzählt davon, dass es Zeiten gab, in denen Beamte zu den ganz armen Leuten gehörten. Denn die Berufsgruppe konnte sich ein echtes Kalbsschnitzel a la Wiener Art oder auch ein paniertes Schweineschnitzel nicht leisten. Was lag da näher, als den (scheinbar damals noch) allgegenwärtigen Bovist paniert auf den Teller zu bringen. So hatten dann auch die armen Beamten ihr eigenes Schnitzel.

Riesenbovist kaufen

Leider kann man die leckeren Pilzschnitzel nicht im Supermarkt kaufen. Zum einen sind sie kaum noch bekannt, zum anderen ist die Zeitspanne, in der sie wachsen ziemlich kurz und es ist wohl auch noch nicht gelungen, Zuchtkulturen anzulegen.

Riesenbovist einfrieren

Findet man einen Riesenbovist, ist die Chance groß, auch noch weitere Exemplare zu finden. Wohin mit so viel Pilz? Riesenboviste lassen sich einfrieren, aber man sollte sie schon vor dem Einfrieren in handliche Schnitzelscheiben schneiden und diese vor dem Einfrieren blanchieren. Will man Pampigkeit nach dem Auftauen ganz sicher vermeiden, sollte man die Boviste vor dem Einfrieren schon panieren und kurz anbraten – dann gibt es garantiert keine „böse“ Überraschung nach dem Auftauen.

Und zum Schluss – der Riesenbovist und andere Geschichten

Der Riesenbovist hat schon seit jeher anregend auf die Fantasie gewirkt. Dem Schriftsteller Al Awadalla war der Pilz sogar einen Buchtitel wert: In "Der Riesenbovist: und andere Geschichten" erzählt der Autor von dem Pilz, der keine Grenzen kennt, da sein unterirdisches Myzelium sich nicht an überirdische Grenzen hält. Dieser "Riesenbovist" trägt in seinem Bauch eine sensible Sammlung von Grenzbegebenheiten und erzählt dabei Geschichten von den Veränderungen, denen Menschen im Grenzland ausgesetzt sind.



Redaktion: Ernestine Müller