Anis in der Medizin und Heilkunde
"Der Anis hat so viele Eigenschaften und Tugenden, daß man ihn in der Arzenei die Seele der Lunge, und das Labsal der Eingeweide nennet."1
Die Biochemie von "Anisum pimpinella"
In den getrockneten Früchten der Anispflanze sind noch ungefähr 3 Prozent ätherisches Öl enthalten. Dieses Öl besteht wiederum zu 90 Prozent aus "trans-Anethol". Das Anethol sorgt dafür, dass der Anis "die Seele der Lunge" ist, denn es hat eine stark schleimlösende Wirkung auf dieselbe. Die weiteren 10 Prozent des Pflanzenöls bestehen unter anderem aus rund 2 Prozent Estragol (iso-Anethol) und ungefähr einem Prozent Anisaldehyd.
Vorsicht ist bei dem Stoff Estragol geboten, dem eine krebserregende Wirkung nachgesagt wird. Wird ein Aniskeks verzehrt, ist die aufgenommene Estragolmenge sicher ungefährlich. Anis ist jedoch, wie andere estragolhaltige Pflanzen auch, in vielen verdauungsfördernden Kinder- und Babytees, enthalten. Der Estragolgehalt derartiger Teegetränke kann recht hoch werden. Daher hält das Bundesinstitut für Risikobewertung die Absenkung des Estragol-Gehaltes in derartigen Teegetränken für dringend erforderlich.
Anis besteht natürlich nicht nur aus Öl. Die Pflanze enthält Wasser, Faserstoffe, Schleim, Stärke, Zucker und Eiweiße. Dazu kommen etliche Mineralstoffe, wie Calcium, Eisen, Magnesium, Mangan, Natrium und Zink. Ebenfalls enthalten sind Campher, Gummi und Kaffeesäure. Die entzündungshemmend wirkenden Stoffe Caryophyll und Eugenol sind auch vorhanden, wenngleich nicht in so hoher Konzentration wie zum Beispiel in der Gewürznelke.2, 3
Anis in der Volksheilkunde
In der Volksheilkunde hat Anis eine führende Position in der Kategorie "wärmende Kräuter". Anis gilt als Karminativum, also schlicht als blähungstreibendes Mittel. Auch bei Magenbeschwerden ist der Genuss von Anis zu empfehlen. Genauso empfohlen wird der Anisverzehr nach schweren Mahlzeiten, da er die Verdauung fördert. Er löst den Schleim aus dem Körper und erleichtert das Husten. Blutstau in den Lungen und der Gebärmutter werden ebenfalls mit Anis behandelt. Anis beruhigt bei Durchfall und wirkt durstlöschend. Anis hilft gegen Mundgeruch und verleiht eine frische Gesichtsfarbe. Das Kraut sorgt für guten Schlaf und regt zugleich zum Beischlaf an. Anis zieht Insektengift aus Wunden und kann auch Ohren heilen. Frauen werden nach der Geburt durch Anis gekräftigt und die Milchbildung wird auch noch angeregt. Ein altes Sprichwort sagt: "Mit Pimpinell, süßer Pimpinell, Mutter und Kind genesen schnell!"4
In den Apotheken des 18. Jahrhunderts war das Allheilmittel Anis in verschiedenster Form als Medizin anzutreffen. Es gab destilliertes Anis-Wasser, das aus dem Kraut und den Samen hergestellt wurde. Es wurde für alle oben genannten Beschwerden eingesetzt. Ebenfalls als Allheilmittel galten "Anis-Spriritus" und "Anis-Aquavit". Anis-Öl wurde unter dem Namen "Species de aniso" geführt. Das Aniskonfekt hieß "Anisi laxativam simphcem". Das Präparat "Anisum solutivum solidum" wurde bei schleichendem Fieber und Wassersucht verordnet. Sollte hingegen Erbrechen herbeigeführt werden, zum Beispiel bei Vergiftigungen, aber auch Gallen- und Milzleiden konnte man in der Apotheke "Confectionem anisi emeticam" kaufen. Sogar Anis-Salz war im Angebot. Es wurde von den Ärzten gegen Husten, Wassersucht, bei Blasen- und Nierenproblemen, zur Stärkung des Magens und zum Vertreiben von Blähungen verordnet. Für besonders empfehlenswert hielt Dr. Johann Georg Krünitz das "Sal volatile anisi", da es aus unverfälschtem Anis-Öl und besonders reinem Salz hergestellt wurde.1 Aus dieser reichlichen Auswahl an Anismedizin, ließe sich sicher auch heute noch, für das eine oder andere Mittelchen, eine dem allgemeinen Wohlbefinden zuträgliche Verwendung finden.
Anisöl als Allheilmittel
Man nehme ungefähr ein Pfund Anis. Um das Öl zu bereiten, muss zuerst der Anis mit dem Mörser zerstoßen werden. Danach wird er mit Wein übergossen und bleibt stehen, bis er anfängt zu gären. Ist das passiert, destilliert man alles langsam über kleiner Flamme, damit die Aromen sich nicht verflüchtigen. Es entsteht eine milchige Flüssigkeit. Lässt man diese einen Moment stehen, lagert sich oben das Anisöl ab. Ein paar Tropfen davon in einem Löffel voll Wein oder in einer Fleischbrühe, oder auch nüchtern eingenommen, machen einen wohlriechenden Atem, vertreiben Kopfschmerzen, Schwindel und schwere Träume, sind wirksam gegen Blähungen, Koliken, starken Husten und befördern den Auswurf.1
Anis bei Ohrentzündungen
Der Anissamen wird zerstoßen und mit Rosenöl geschmischt, oder auch gekocht. Ein paar Tropfen davon in ein Ohre, helfen bei Mittelohrentzündungen, und bringen sogar das "verlohrne Gehör" wieder.1
Anis bei giftigen Bissen und Wunden
Die Anisfrucht wird zerstoßen und der Brei auf die Bisse oder die Wunden gelegt und verbunden. Auch bei leichter Bindehautentzündung hilft der Anisbrei. Er wird wie ein Pflaster auf das Auge gelegt, und zieht "was in das Auge geraten ist" heraus.1
Anisbonbons für den Magen
Man benötigt möglichst große getrocknete Anisfrüchte. Diese gibt man in einen Topf und gibt dazu Zuckersirup, der mit ein wenig Gelatine vermischt wurde. Jetzt werden die Früchte auf geringer Flamme ständig gerührt, bis sich der Zucker an ihnen festgesetzt hat. Diese Bonbons, gegessen am frühen Morgen, helfen bei fast jeder Art von Magenbeschwerden.1
Der Anis, die Mütter und die Neugeboren
Heute wird Anis hauptsächlich als Stärkungskraut für Mütter und Neugeborene benutzt. Auch diese Anwendung war früher bekannt: nach den Geburten wurden die Frauen mit Anisdestillationen gewaschen, um dem Kindbettfieber vorzubeugen. Schwangeren Frauen wird heute empfohlen Anistee in kleinen Mengen zu trinken, um die Schleimheute vor der Geburt zu reinigen. Nach der Geburt regt der Genuss von Anistee den Milchfluss an. Die Milch von Müttern, die Anistee getrunken haben, tut gleichzeitig dem Baby gut, denn sie reinigt seine Lungen vom Schleim und verhindert Verdauungsprobleme. Zur Vermeidung der bei Babys so gefürchteten Drei-Monats-Koliken ist es vielleicht völlig ausreichend, wenn die Mutter reichlich Anistee trinkt. Dann muss dem Baby auch nicht mehr mühsam der "verdauungsfördernde" Babytee eingeflößt werden.4
Tee zur Anregung des Milchflusses
Stillende Mütter mit geringem Milchfluss können einen Tee aus gleichen Teilen Fenchel-, Dill-und Anisfrüchten, sowie Frauenmantelblättern einnehmen. Es lohnt, gleich eine Thermoskanne voll zubereiten. Davon soll die Mutter vor und nach jeder Stillzeit eine kleine Tasse trinken. Nicht nur der Milchfluss wird angeregt, der Tee wirkt sich auch beruhigend auf den Säugling aus.4
Schaben und Würmer …Anis hilft!
In der "ökonomischen Enzyklopädie" findet sich noch ein Tipp zum Thema Anis. Werden Kisten und Behälter mit dem Anis-Öl bestrichen, hält das "Schaben und Würmer" fern.1
Quellen
- 1Krünitz, Dr. Johann Georg: Krünitz online - Oeconomischen Encyclopädie 1773 bis 1858 [Online]. - Zur Quelle.
- 2Katzer, Gernot: Gewürzseiten: Anis (Pimpinella anisum) [Online]. - Zur Quelle.
- 3Gotfredsen, Erik: Liber Herbarum II [Online]. - Zur Quelle.
- 4Arrowsmith, Nancy: Herbarium Magicum: Das Buch der heilenden Kräuter [Book]. - Berlin : Ullstein Buchverlage GmbH, 2007.
