Die lange Geschichte des "Anisum pimpinella"


Antike: Rom und Griechenland

Es wurde schon erwähnt, dass der wilde Ahn der heutigen Kulturpflanze Anis nicht bekannt ist. Indizien sprechen dafür, die Heimat des Anises im östlichen Mittelmeergebiet zu suchen. (Küster, 1987, S. 18). Das Gewürz wurde in Griechenland wohl schon 1600 Jahre vor Beginn der Zeitrechnung verwendet. Archäologen haben auf der griechischen Insel Santorini Früchte gefunden, die sich auf diese Zeit datieren lassen. Es ist auch bekannt, was die Griechen mit dem Anis taten. Sie buken, wir wir heute auch, Anisbrot damit. Jedoch beließen sie es nicht beim Backen. Schon im 7. Jahrhundert v. Chr. betrieben die Städte Athen und Korinth einen lebhaften Handel mit Duftölen, auch Anisöl wurde gehandelt.

Um 550 v. Chr. lebte Pythagoras von Samos. Er beschrieb mit Anis gewürztes Brot als köstliche Delikatesse. Anis wird auch häufig in den hippokratischen Schriften erwähnt. Als nächster erwähnt Theophrastos von Eresos (371-287 v. Chr.), Nachfolger von Aristoteles, die Pflanze und nennt sie, wie Diokurides später auch, schlicht "anison". Lucius Iunius Moderatus Columella, der 70 n. Chr. starb, beschreibt in seinen Werken "Anisum aegyptictiacum". Plinius secundarus der Ältere, verwendet für die Pflanze die Bezeichung "Anisum". Der berühmte römische Dichter Vergil (70 v. Chr. bis 90 v. Chr.) soll von Aniskeksen geschwärmt haben. Geliebt hat sie wohl nicht nur Vergil, denn von den alten Römern ist überliefert, dass sie den Anis vor allem für Kekse und Kuchen verwendeten. Das taten sie aber wohl das ganze Jahr über, und nicht nur, wie wir heute, zur Weihnachtszeit.1

Das "Anison" des Dioskurides

Schriftliche erwähnt wurde der Anis schon bei Dioskurides (1 Jhd.), der zu Zeiten der Kaiser Claudius und Nero, Militärarzt gewesen ist. Er verfasste das fünf Bände umfassende klassische Hauptwerk der Arzneimittellehre, die "De materia medica". Der griechische Orginaltitel lautet "’Περι υλης ιατρικης’,". Was Dioskurides schrieb, war bis in das 18. Jahrhundert hinein prägende Lehrmeinung. Liest man den Absatz über Anis, den Dr. Johann Georgs Krünitz um 1800 in seiner "Ökonomischen Enzyklopädie" verfasst hat und vergleicht ihn mit dem, der von Dioskurides rund 1700 Jahre zuvor geschrieben wurde, könnte man auf die Idee kommen, Krünitz habe bei Dioskurides abgeschrieben.2

"Cap. 58 (65). Anis. Das Anison (Einige nennen es auch Sion, die Römer Anisum) hat im Ganzen eine erwärmende, austrockende, das Atmen erleichternde, schmerzstilende, vertheilende, harntreibende, die Säfte verdünnende und, bei Wassersucht getrunken, durststillende Kraft. Es ist auch ein gutes Mittel gegen den Biss giftiger Thiere und gegen Blähungen. Es stellt den Durchfall und weißen Fluß, befördert die Milchabsonderung und reizt zum Beischlaf. Der durch die Nase aufgesogene Rauch des angezündeten Anison lindert Kopfschmerzen, fein gerieben und mit Rosenöl eingetröpfelt heilt es Reissen in den Ohren. Das beste aber ist das frische, volle, nicht krümlige, stark duftende. Vorzuziehen ist das kretische, dann kommt das ägyptische."3

Das "Anesum" von Plinius Sekundus

Plinius Gaius Secundus d. Ältere, lebte von 23/24 bis 79 n.Chr. Er war ein römischer Offizier und Staatsbeamter. Seine Ämter führten ihn u.a. nach Germanien, Spanien, Syrien, Judäa und Nordafrika. Er schrieb neben vielen militärischen Fachbüchern und historischen Schriften, die leider nicht mehr erhalten sind, eine höchst umfangreiche enzyklopädische Naturkunde in 37 Büchern, die "Naturalis historia". Plinius widmet dem Anis diesem Werk einen umfangreichen Abschnitt. Hier ein kleiner Auszug:

"Auch der Anis (anesum) wird mit Wein gegen die Skorpione getrunken; er wurde, teils roh, teils abgekocht, wie nur wenige Pflanzen von Pythagoras gelobt ... In Säckchen abgefüllt, verbessert er mit bitteren Mandeln den Wein ... Er verleiht ein jüngeres Aussehen. Die Schlaflosigkeit beseitigt er, wenn man ihn so über dem Kissen aufhängt, daß man seinen Geruch im Schlafe einatmet. Er macht Appetit, da ja nun die Genußsucht auch dies unter ihre Kunstgriffe aufgenommen hat, seitdem die Arbeit aufgehört hat die Eßlust zu wecken ... Man glaubt auch daß es für den Bauch und die Eingeweide nicht besseres gebe ... [Frauen] die daran riechen, sollen auch leichter gebären... (Plinius XX, 185-195)."2

Indien, China, Asien

Aber Anis war nicht nur im römischen Reich und im antiken Griechenland und hochgeschätzt.

Er soll auch Bestandteil des berühmten und sagenumwobenen "Theriaks" gewesen sein. Der "Theriak" war ein Gegenmittel gegen alle Gifte, dessen sich der syrische König "Antiochus der Große", häufig bediente.

Auch in Indien war Anis schon vor der Zeitwende bekannt, dort wird er von Susruta unter dem Namen Atichatra schon im 5. Jahrhundert vor Christus beschrieben. Genutzt haben ihn die Inder als "Galaktagogum", das bedeutet "milchtreibendes Mittel". Als milchtreibendes Mittel war der Anis auch in der chinesischen Heilkunde bekannt.4

Geschichte vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert

Im Mittelalter erfreute sich die Anispflanze ausgesprochen großer Beliebtheit. Sie wurde nicht nur im Mittelmeerraum, sondern auch fast überall nördlich der Alpen angebaut. Im 16. Jahrhundert gab es in Mitteleuropa ausgedehnte Kulturen der Pflanze. Zur gleichen Zeit wird auch das Anisöl erstmals erwähnt. Natürlich wurde Anis im Mittelalter in Bäckereien verwendet, aber man würzte auch Fleisch, Fisch, Geflügel und Gemüse damit. Zunehmend beliebter wurde der Anis als Gewürz an süßem und süß-saurerem Fruchtkompott. Um diese Zeit herum begann auch der Siegeszug des Anises in der Weihnachtsbäckerei, wo er heute als Gewürz nicht mehr wegzudenken ist. Nicht vergessen werden darf, und das war sicher ein wesentlicher Grund für den weitverbreiteten Anbau im 16. und 17. Jahrhundert, dass Anisschnaps, Aniswein und Anisbier in dieser Zeit sehr beliebte Getränke gewesen sind.

Bei so viel Berühmtheit, ist es nicht verwunderlich, dass das "Anisum pimpinella" zahlreiche Spuren im Schrifttum des Mittelalters hinterlassen hat.

Erste Erwähnung findet die Pflanze in der "Capitulare de villis" von Karl dem Grossen (768-814). Dort wird in § 70 der Anbau von Anis in den Klostergärten angeordnet.5 Dann geht es munter weiter, fast jeder, der damals auf dem Gebiet Bedeutung genoss, hatte etwas zu dem Thema zu schreiben. Auch in Paracelsus "Sämtlichen Werken" wird der Anis erwähnt. In der "Causae et Curae", verfasst von der  heiligen Hildegard von Bingen, ist Anis als "erweichendes Mittel" beschrieben. Sehr gelobt wird er im Jahre 1565 im "Kräuterbuch" des von Hieronymus Bock, der ihn gegen Hydrops (Wassersucht), Blähungen, Magenbeschwerden, Singultus (Schluckauf), Fluor albus (Weissfluss), als schmerzstillendes und verdauungsförderndes Mittel, sowie äußerlich als Augenpflaster, gegen Kopf- und Ohrenschmerzen empfiehlt. In Matthiolus "New-Kräuterbuch" von 1626 wirkt der Anis außerdem stopfend, durstlöschend, gegen Lungenverschleimung und schlechten Atem: "in summa, er öffnet, wärmet und stärket alle innerlichen Glieder."1 Weinmann führt in seiner "Phytanthoza iconographia" aus dem Jahre 1737 auch noch den Gebrauch von Anis als geburtserleichterndes Mittel an. Haller fügt im Jahre 1755 im "Medicin, Lexicon" als Einsatzgebiete für Anis noch den Bronchialkatharr und die Engbrüstigkeit hinzu. Von Christoph Wilhelm Hufeland (1762−1836) wurde Anis als schleimlösendes, milchtreibendes und magenanregendes Mittel verwandt. Das damalige Basiswerk der englische Medizin "Medicinal Plant" verfasst von Bentley und Trimen im Jahre 1880, empfiehlt Anis bei Flatulenz (Blähungen), Koliken und zur Linderung der Beschwerden nach Einnahme von Abführmittel.1

Würde man die Reise durch die medizinischen Lehrbücher quer durch die Jahrhunderte fortsetzen, man würde noch oft auf "Anisum pimpinella" treffen, dabei jedoch nicht mehr allzuviel Neues lernen. Doch eine Beobachtung sei hier noch erwähnt: Die Autoren des Mittelalters, und auch die des 17. und 18. Jahrhunderts, orientieren sich in ihren Werken häufig an den Großen der Antike, wie etwas Dioskurides und Plinius.1, 6, 7

…und heute?

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts geriet der Anis, vielmehr die Anisliköre und mit ihnen die ganze Pflanze, etwas in Verruf, da der Anis auch im Absinth enthalten war.

Wie aus dem Absinth der Anislikör wurde

Anis war seit jeher Bestandteil von Absinth und Absinth galt als gefährliche Droge und Teufelszeug. Im Jahre 1905 tötete ein Schweizer, nachdem er zwei Gläser Absinth getrunken hatte, seine ganze Familie. Dass er zuvor schon etliches anderes getrunken hatte, unter anderem 5 Flaschen Wein, wurde von den Medien ausgeblendet. Absinth galt als Tatwaffe und wurde im Zuge dieses Familiendramas in ganz Europa und in den USA verboten. Verboten wurde jedoch nicht nur der Absinth. Es wurden gleich alle alkoholischen Getränke, die dem Absinth in Geschmack und Geruch ähnlich waren, verboten, also auch alle Anisliköre. Dabei war Anis sicher einer der harmlosesten Stoffe im Absinth. Das gefährliche am Absinth war der minderwertige Alkohol aus dem er gebraut wurde und die hohe Konzentration des Stoffes Thujon, welches die Wermutpflanze, sie ist der  eigentliche Grundstoffs für den Absinth, bildet. Anis, Fenchel und andere Kräuter sorgen nur dafür, den Wermutschnaps überhaupt genießbar zu machen. Ohne diese "Süßstoffe" wäre er so bitter, dass es selbst einem Thujon-Süchtigen schwer fallen würde, ihn zu konsumieren. Getrunken wurden die Anisschnäpse, und auch der Absinth, allen Verboten zum Trotz, natürlich weiterhin. Die zahlreichen Pastisbrauer, so wurden die kleinen Likörproduzenten genannt, hörten auch nicht auf mit Rezepten herum zu experimentieren, schließlich war Anislikör Teil der französischen Kultur. In der Zeit des restriktiven Verbots entwickelte Paul Ricard, den "Ricard", den "echten Pastis aus Marseille". Seine Mühe war nicht vergeblich. Im Jahre 1932 wurde den Franzosen wieder erlaubt, Anisgetränke herzustellen. Anis- und Alkoholgehalt blieben allerdings limitiert. Schnell wurde der echte "Ricard" zum Konkurrenten des "Pernod". Bis zum Absinthverbot im Jahr 1914 war der "Pernod" ein Absinth gewesen und die Jahresproduktion lag am Ende des 19. Jhd. bei ungefähr 100. 000 l pro Tag. Als der Absinth verboten wurde, wurde ließ die Firma einfach den Wermut im Absinth weg, jetzt war aus dem Absinth "Pernod" der Anislikör "Pernod" geworden. Heute sind sehr viele dieser Nachfolgeprodukte im Umlauf: Pastis, Anisette, Herbe de Sante und Sambuca. Letztlich verdanken wir dem Verbot des Absinths einer Reihe herrlicher Anisliköre. Seit 1998 ist auch Absinth in Deutschland wieder erlaubt. Sein Thujon-Gehalt darf 10 mg je Liter Alkohol bei einem Alkoholgehalt von 25 Prozent jedoch nicht überschreiten.

Einsatzgebiete von Anis

Heute werden Anispräparate zur Linderung von Verdauungsbeschwerden und bei Katharren der Luftwege auch von Medizinern verordnet. Anis wird häufig als Aromastoff eingesetzt, da er Bitteres, auch ohne Beihilfe von Zucker, natürlich versüssen kann. Anis wird auch in der Nutztierhaltung eingesetzt, wen verwundert es, natürlich zur Anregung der Milchproduktion, zum Beispiel bei Kühen, aber auch zum Kurieren von Lungenentzündungen bei Pferden. Das Anisöl wird für Anti-Lauspräparate gebraucht, hier ist es sehr erfolgreich und wenig ätzend. Schlussendlich bleibt jedoch der größte Abnehmer der Pflanze die Getränkeindustrie, in Alkohol scheint die Pflanze wohl am schackhaftesten zu sein.2, 8


Quellen

  • 1Madaus, Gerhard: Lehrbuch der biologischen Heilmittel [Online] // www.books.google.com. - reprint 1938 published by Thieme, Leipzig.
  • 2Wulle, Stefan: Bilsenkraut und Bibergeil: Zur Entwicklung des Arzneischatzes. - Braunschweig : [s.n.], 1999.
  • 3Pedanius Von Dioscorides: Des Pedanios Dioskurides aus Anazarbos / ed. Enke Veröffentlicht von F. - 1902. - S. 301, Zur Quelle.
  • 4Madaus Gerhard Lehrbuch der biologischen Heilmittel [Online] // www.books.google.com. - reprint 1938 published by Thieme, Leipzig; S. 479.
  • 5Sprengel, Kurt: Kurt Sprengels Geschichte der Botanik [Book] / ed. Sprengel Von Kurt Polycarp J.. - 1817, S. 196. - Original von Oxford University. - www.books.google.com.
  • 6Dörfler, Dr. Hans-Peter and Roselt Prof. Dr. Gerhard: Heilpflanzen: Gestern und Heute [Book]. - Leipzig-Berlin-Jena : Urania, 1987.
  • 7Küster, Hans Jörg: Wo der Pfeffer wächst - Ein Lexikon zur Kulturgeschichte der Gewürze [Book]. - München : C. H. Beckschen Verlagsbuchhandlung, 1987.
  • 8Arrowsmith, Nancy: Herbarium Magicum: Das Buch der heilenden Kräuter [Book]. - Berlin : Ullstein Buchverlage GmbH, 2007.